Wohl kein Datum ist für den Umbruch der jüngsten deutschen Geschichte so repräsentativ wie der Tag, an dem nach fast drei Jahrzehnten die Bürgerinnen und Bürger der DDR mit einer friedlichen Revolution die Berliner Mauer zu Fall gebracht haben. Der 9. November bedeutete das Ende der DDR, das Ende der Blockbildungen zwischen Ost und West, hieß eine neue deutsche Wirklichkeit.

Die Vereinigung Deutschlands war für die junge Generation das erste Ereignis welthistorischer Bedeutung, das sie unmittelbar und anteilnehmend erfahren hat. Es ist also nicht überraschend, dass viele junge Autoren beiderseits der alten Grenze die Wende zu einem vorherrschenden Thema ihrer Werke machten. Man kann von der so genannten "Wende - Literatur" sprechen. Es sind literarische Werke, die sich mit dem Problem der deutschen Einheit auseinandersetzen, also auch mit Fragen der deutschen Teilung, der Neu- und Wiederbegegnung der Menschen in Ost und West, oder der Entfremdungssymptome innerhalb Deutschlands und der Möglichkeit ihrer Überwindung. Das Thema "Deutsche Einheit" hat eine Vielfalt von Aspekten und Verarbeitungsformen hervorgebracht.

Für Lyrik waren die Jahre seit 1989 zwar nicht die beste Zeit, trotzdem haben die Lyriker von damals sehr viel geleistet. Es entstanden viele Lyrikanthologien, die den Wendeereignissen gewidmet sind. Gedichte waren ein gutes Mittel, "um der Freude, dem Erstaunen, der Ratlosigkeit oder der Trauer über die erfahrenen Umbrűche Ausdruck zu geben".

Missachtung von Bürgerrechten wie Meinungs-, Reise-

und Demonstrationsfreiheit, staatliche Repressionen durch Stasi - Bespitzelung und Wahlfälschungen, Krise der 

DDR-Planwirtschaft, Unterversorgung mit Alltagswaren, Reformunfähigkeit der vergeisten SED - Führung - all das sind Ursachen für den Zusammenbruch der DDR.

Die Wende war nicht zu vermeiden. In den achtziger Jahren kam es immer häufiger zu verschiedenen Demonstrationen. Vom materiellen bzw. vom emotionalen Mangel getrieben, gingen Tausende von Menschen auf die Straße, um für die deutsche Einheit zu demonstrieren. Ein Anreiz dazu war auch die Öffnung der ungarischen Grenze. Hunderte von DDR - Bürgern versuchten damals, über Ungarn in den Westen zu gelangen.

Am 4. November 1989 kam es in Ost - Berlin zur größten Demonstration in der Geschichte des Staates. Über eine halbe Million Menschen forderten Demokratie in der DDR. Drei Tage später trat die Regierung und das Politbüro zurück und am Abend des 9. November verlas das Politbüromitglied Gűnter Schabowski vor laufenden Kameras, dass sofort und unverzüglich Privatreisen ins Ausland ohne

Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässen und Verwandtschaftsverhältnissen beantragt werden könnten. Die Öffnung der Grenze war nicht vorbereitet und für einen anderen Tag geplant. Noch in derselben Nacht eilten Tausende von Ostdeutschen an die Grenze, um sich dem Freudetaumel anzuschließen. Am darauf folgenden Tag besuchten Millionen von DDR - Bürgern die grenznahen Städte der Bundesrepublik, vor allem West - Berlin. Es kam zu überschwänglichen Freudenszenen.

Dem schicksalhaften Tag der Maueröffnung sind viele Dichtungen gewidmet. Beispielgebend könnte das Gedicht von Michael Wildenhain unter dem Titel "Neunter November" sein. Der Autor schildert die ersten Eindrücke, die bei den Berlinern durch die Maueröffnung hervorgerufen wurden. Das lyrische Subjekt ist auch Teilnehmer dieses Festes. Er gehört zur Menschenmasse, die auf die Straße geht und die Überwindung der Grenze zwischen Ost und West feiert. Fremde Menschen umarmen sich, singen, tanzen, jubeln und betrinken sich aus Glück:

"Keiner ist einsam alle sind fröhlich".

Die Berliner freuen sich um so mehr, als die Nachricht über die Grenzöffnung so unerwartet war. Sie hat bei allen Menschen eine erfreuliche Überraschung ausgelöst. Um diese lustige Stimmung der Deutschen aufzuzeigen, hat Wildenhain viele Wörter verwendet, die gute Laune bezeichnen: fröhlich, lachen, kichern oder das Glück. Alle reagieren auf dieses Ereignis sehr spontan. Sie trinken auch Alkohol, um den 9. November feierlich zu begehen. Dieser Tag bedeutet für sie den Anfang eines neuen Lebens im vereinigten Deutschland. Es gibt keine Barrieren mehr und alle sind davon überzeugt, dass ihr neuer Lebensabschnitt besser sein wird. Beim Singen rufen sich die Deutschen die traurige Vergangenheit in Erinnerung zurück:

"Singt uns in eine Zeit zurück

In der die Welt eine Bahnsteigkarte

Weit war und rot wie das Glück".

In der DDR - Zeit war die Reisefreiheit verboten. Sie durften nicht ins Ausland privat reisen, ohne bestimmte Dokumente vorzuliegen. Der Fall der Mauer hat diesem Verbot ein Ende gesetzt. Die Deutschen aus Ost und West feiern ihr Wiedersehen.

Nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 konnte die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten am 3. Oktober 1990 vollzogen werden. Man kann es aber aus dem Gedächtnis nicht verlieren, dass dieses historische Ereignis nicht von den Politikern oder Juristen erreicht wurde. "Es waren die Menschen in der DDR, die monatelang für ihre Freiheit auf die Strasse gegangen waren.".